Nicolas Lindt

Schriftsteller & Ritualgestalter

«Ich schreibe Bücher, erzähle Geschichten und gestalte Rituale im Namen der Liebe.»

Wald, 21. Januar 2018   |   Bücher Der Tag (TA)
Wald, 21.01.2018   |   Bücher Der Tag (TA)

Über das Buch

Aus dem "Tages Anzeiger"

Ein Buch für Paare,
die fast keine mehr sind

Von Erwin Haas

Nicolas Lindt lässt in seinem neuen Roman hoffen, dass nicht jede Beziehung flöten geht, wenn sie Flaute hat. Doch muss man schon etwas dafür tun.

«Der Tag, an dem ich beschloss, mich zu ändern», heisst der neue Roman von Nicolas Lindt. Einen solchen Tag hat der in Küsnacht aufgewachsene und in Wald lebende Schriftsteller schon mal erlebt. Es war irgendwann nach dem Ende der brennenden Zürcher «Bewegung» 1981, als Lindt sich endgültig vom schwarzweissen Denken und den Linksrechts-Schablonen von Maoisten und anderen Zürcher Dogmatikern löste. Er schwor den Klassenkämpfern, die er zehn Jahre lang fast fanatisch angefeuert hatte, ab und wandte sich einem Selbst zu, das er noch gar nie wahrgenommen hatte.

Plötzlich sagte er nicht mehr wir, sondern ich. Für die Linke war Lindt erledigt, als er sich damals die Freiheit seiner Individualität herausnahm. Ein selbständiger Denker wie er galt als Verräter. Und als er eine Familie gründete und damit begann, unter Apfelbäumen am Bachtel überkonfessionelle Trauungen und «Rituale der Liebe» durchzuführen, erklärten ihn seine ehemaligen Kollegen für verrückt.

Einen Vorteil holte Lindt, der lange Zeit auch in Stäfa wohnte, mit seiner Selbstfindung und der gebrochenen Biografie aber heraus: Seine Entwicklung bot ihm Stoff für viele Essays und einige Bücher, darunter «Die Freiheit der Sternenberger» (1991) und «Die Befreiung:mein Weg zu einem persönlichen Denken» (1995).

Die Rückeroberung der Liebe

Im neusten Werk, dessen zehn Kapitel nach Beatles-Songs geordnet sind, hat Lindt jetzt den Schritt in eine andere Dimension gewagt. Bisher schrieb er meist autobiografisch, jetzt wandelt er auf fiktiven Pfaden. Die Hauptperson hat sich zwar gewisse Eigenschaften und frühere Lebensumstände des Autors zu eigen gemacht und hält sich mit brotlosem Schreiben nur knapp über Wasser. Doch die Handlung des Romans geht eigene Wege.

Der Schriftsteller Georg Güldenschuh wacht eines Morgens auf und stellt fest, dass er allein im Bett liegt. Seine Julia, mit der er drei Kinder hat, ist weg. Sogar das Kissen hat sie mitgenommen. Die Nacht hat sie im freien Zimmer im oberen Stock verbracht. Julia hat genug davon, dass ihm sein Buch, mit dem er nicht vorwärtskommt, wichtiger ist als sie und die Familie. Genug davon, dass er nicht reden und nichts ändern mag und abends sofort einschläft. Noch ist sie nicht ausgezogen, doch die Absicht scheint zu reifen. Die Rückeroberung seiner Liebsten wird für Georg zum selbstkritischen Kreuzweg nagender Gedanken.

Klar: Das Schreiben hat für den Schriftsteller Priorität. Doch erste Priorität haben Liebe, Frau und Kinder. Der Zwiespalt zwingt Georg - der an einem beunruhigenden Anerkennungsdrang leidet - zur zweifelnden Selbstspiegelung, die er angriffig, harmoniesüchtig, ernsthaft und ironisch vornimmt. Jede kleinste Wahrnehmung bietet Anlass zur Interpretation. Nach einem Wortgefecht in der Küche etwa läuft das Spaghettiwasser über, und die Partner greifen beide zum Lappen:

«Einträchtiger hätten ein Mann und eine Frau einen Herd nicht reinigen können», schreibt Lindt. «Die Liebe dieses Paares musste wahrhaftig gross sein.»

Genau beobachtete Mikrosymbolik

Ein Schulbesuch, ein Mittagessen mit einem Freund, eine Lesung beim Frauenverein unterbrechen die Auseinandersetzung mit der widerspenstigen Liebsten. Doch jede Distanz schürt die Besessenheit, die Dinge wieder ins Lot zu bringen. Spät nachts, nach einem gemeinsamen Konzertbesuch, ist es dann möglicherweise geschafft.

Der Roman um den Mann, der künftig mehr Georg und weniger Schriftsteller sein will, ist glänzend und flüssig geschrieben. Das Buch lebt von der genau beobachteten Mikrosymbolik, die verunsicherte Geister dem Alltag zuschreiben. Lindt hat die Gesundung der kränkelnden Liebe in einen einzigen Tag verpackt, obwohl das Leben keinen Zeitraffer kennt. Dramaturgisch macht sich das gut.

Es mutet zwar fast rührend und etwas nostalgisch an, dass Lindt den gutschweizerischen Läuterungsversuch in einer kriselnden Beziehung 25 Jahre nach «Zündels Abgang» von Markus Werner wieder zum Thema macht. Georg Güldenschuh bietet aber viel Wiedererkennungs-
potenzial, weckt Sympathie und macht es besser.
 

Tages Anzeiger 22.4.09